Alte Steine: Die alte Schynstrasse


Publiziert von PStraub , 2. April 2025 um 16:30.

Region: Welt » Schweiz » Graubünden » Domleschg
Tour Datum: 2 April 2025
Wandern Schwierigkeit: T1 - Wandern
Mountainbike Schwierigkeit: L - Leicht fahrbar
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-GR 
Aufstieg: 400 m

Vor ein paar Wochen war ich auf dem/der Alten Schyn unterwegs gewesen.
Vor dem Bau des Tunnels und dem "Hohlweg" unter der Moir-Felswand war das nur ein Saumweg ohne Bedeutung für den Warenverkehr, jedoch wichtig als Verbindung zwischen der "Unteren" und der "Oberen Strasse".

Mit der Fertigtellung der ersten Strasse auf der linken Seite der Schyn-Schlucht war diese Verbindung plötzlich offen. Sie war ab 1870 befahrbar und erlaubte mit einer Breite von rund drei Metern den Betrieb einer Postkutschenlinie und konnte mit Pferde- oder Ochsenkarren befahren werden.
Bau und Unterhalt dieser Strasse muss ein Albtraum gewesen sein - der rutschige Bündnerschiefer und die steilen Hänge machten dauernde Reparaturen erforderlich. 
Entlastet wurde diese Strasse mit dem Bau der RhB-Linie (1900), und mit dem Bau der neuen Strasse Ende der 60er Jahre wurde sie bedeutungslos und dem Verfall preisgegeben.

Nun ist es ja so, dass sowohl der Alte Schyn wie auch diese Strasse im Bundesinventar der historischen Verkehrswege der Schweiz (IVS) unter der Nummer GR 25 verzeichnet sind. Der Sinn dieses Inventars ist gemäss dieser Seite des Bundes, "dass die historischen Verkehrswege geschont und, wo das allgemeine Interesse an ihnen überwiegt, ungeschmälert erhalten werden. Diese Pflicht gilt unabhängig davon, ob der Weg von nationaler, regionaler oder lokaler Bedeutung ist." 

Dafür zuständig ist das ASTRA, doch kann man nicht behaupten, dass dort allzuviel Herzblut für diese Aufgabe vergossen wird.

Auf meiner heutigen Tour wollte ich herausfinden, was von dieser Strasse überhaupt noch auffindbar ist. Denn dass das Stück zwischen 46.683670, 9.518681 und 46.684531, 9.514925 nicht mehr existiert, war nach einem Blick auf die historischen Karten klar.

St. Peter in Mistail
Erst fuhr ich mit dem Bike von Tiefencastel nach Mistail. Die letzten paar hundert Meter sind eher für Fussgänger ausgelegt.
St. Peter in Mistail ist die letzte original erhaltene karolingische Drei-Apsidenkirche der Schweiz. Der heutige Bau dürfte um das Jahr 800 entstanden sein. Ursprünglich war es die Kirche eines Nonnenklosters, vermutlich ein Ableger des Klosters Cazis (siehe unten). Wohl deshalb war das Schiff ursprünglich durch eine Mauer getrennt, Reste davon wurden stehen gelassen oder wieder erstellt.
Die Apsiden sind bemalt, die ursprünglichen Fresken wurden im 14. Jd. übermalt. Das Hauptmotiv, ein Christus in der Mandorla, war im 14. Jd. etwas aus der Zeit gefallen, das Bildthema deutet darauf hin, dass sich die "neue" Bemalung an die frühere angelehnt hatte.

Dann fuhr ich via Alvaschein zur Solisbrücke. Von denen gibt es mittlerweile drei. Die RhB benutzt den Solisviadukt, die höchste Brücke der RhB. Sie hat auch die grösste Spannweite aller Brücken der Albulalinie. Knapp dahinter und etwas tiefer, an der schmalsten Stelle der Schlucht, spannt sich in 89 Metern über dem Flusslauf die "richtige" Solisbrücke über die Albula, welche Teil der alten Schynstrasse war. 

Dann folgte ein kurzes Stück auf der Autostrasse, welche ich bei der (stillgelegten) Bahnstation Solis wieder verliess und soweit es ging dem Trassee der alten Strasse folgte. Zwischendurch geht es durch zwei kurze Tunnels, dann kommt eine Abschrankung, wo die Armee oder das ASTRA eine (abgesperrte) Galerie und dahinter ein  Loch zum neuen Strassentunnel gebaut hat. Aussen herum käme man noch ein Stück durch T5-Gelände zu einem weiteren Stück Tunnel, das habe ich aber nicht versucht.

Stattdessen fuhr ich zurück und durch den Solis-Tunnel. Das war eher unattraktiv: Die Fussgängerpassage ist teilweise kaum breiter als ein Bike-Lenker. Man muss höllisch aufpassen, nicht die Tunnelwand zu streifen.
Unmittelbar nach diesem Tunnel zweigt die alte Strasse nach rechts ab. Sie kann wieder ein Stück weit befahren werden, ist aber völlig mit Steinen und Ästen zugemüllt. Am Schluss wieder ein Tunnel, der beidseitig von Hangschutt fast verschlossen ist. Hinter diesem Tunnel ist völlig Schluss, weil hier der Hang abgerutscht ist. 

Krass bei beiden Abschnitten ist, wie steil die Schlucht hier ist. Jeder Fehltritt am Wegrand wäre einer zuviel. Dafür sind die Tiefblicke umso eindrücklicher.

Dann fuhr ich bis zum P. 859 und von dort den Wald hinauf nach Versasca. Nein, nicht Verzasca, das wäre mir dann doch zu weit gewesen. Das war eine schöne Fahrt durch den frühlingshaften Wald hinauf und dann zur Ruine Campi/Campell hinunter. Das muss eine stattliche Anlage gewesen sein, der Wiki-Artikel erwähnt viele Bauphasen. Und dass sie bis weit ins 17. Jd. bewohnt gewesen ist.

Anschliessend fuhr ich auf dem Radweg nach Cazis, wo ich die Kirche Sogn Martegn / St. Martin besuchte. Der Bau soll aus dem 7. Jd. stammen und ist so die erste Talkirche des Domleschgs. Typisch für Bauten aus einer Zeit, wo Glas fast unbezahlbar war, sind die winzigen Fensteröffnungen.
Nur wenige hundert Meter entfernt liegt das Kloster Cazis. Um 700 gegründet, ist es das älteste Kloster nördlich der Alpen. Bauhistorisch gibt es nichts her, die alten Bauten wurden bei bezw. nach einem Brand im 18. Jd. völlig zerstört.

Ich habe in den letzten Jahren viele "alte Steine" im Gebiet des Alpenrheins besucht, meist Burgen. Deshalb galt die heutige Runde alten Steinen in Form einer kühn angelegten Strasse. Schade, dass dieses Baudenkmal so fahrlässig dem Verfall preisgegeben wird.

Tourengänger: PStraub
Communities: ÖV - Bike - Hike


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Kommentare (2)


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raphiontherocks hat gesagt: Nice!
Gesendet am 2. April 2025 um 16:58
Super spannender, abenteuerlicher, informativer und im positiven Sinne irgendwo auch ein wenig ungewöhnlicher Tourenbericht! Danke Dir dafür! Auch genau nach solchen Perlen stöbere ich doch jeweils auf Hikr :) cheers, raphiontherocks

PStraub hat gesagt: RE:Nice!
Gesendet am 3. April 2025 um 12:47
Wow, danke!
Ich mag "interdisziplinäre" Wanderungen/Berichte.
Deshalb schätze ich zB. Lainaris Berichte über die Bergmännische Kunst im Erzgebirge.
Danke & Gruss ps


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